Kulturkreis – Der Kanzlerbungalow in Bonn
Am 13. Oktober besuchten wir mit dem Kulturkreis des Seniorenbeirates den Kanzlerbungalow in Bonn. Aufgrund der zahlreichen Anmeldungen wurden zwei Gruppen gebildet.
Zunächst wurden unsere Personalausweise mit den Anmeldedaten abgeglichen. Anschließend ging es durch eine Sicherheitsschleuse wie am Flughafen. Der Kanzlerbungalow liegt auf dem Gelände des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (früher das Kanzleramt) und in unmittelbarer Nähe zur Villa Hammerschmidt, dem Bonner Amtssitz des Bundespräsidenten. Das gesamte Areal ist streng gesichert. Messer, Nagelfeilen und kleine Werkzeuge mussten abgegeben werden. Auch künstliche Knie- und Hüftprothesen lösten lautstark Alarm aus, die betroffenen Senioren durften die Schleuse aber schließlich passieren.
Das alte Kanzleramt, Palais Schaumburg, war Ludwig Erhard zu klein geworden. Ihm stand dort lediglich eine Dreizimmerwohnung zur Verfügung. Deshalb beauftragte er 1963 den Architekten Sep Ruf mit dem Entwurf eines modernen, repräsentativen Wohn- und Empfangsgebäudes. Erhard bevorzugte Bungalows; Ruf hatte auch sein privates Wohnhaus am Tegernsee entworfen.
1963/64 plante Ruf zwei unterschiedlich große, gegeneinander versetzte, quadratische Atriumbauten auf einer Ebene. Die Bauzeit betrug nur ein Jahr, das Budget von zwei Millionen DM wurde eingehalten.
Verwendet wurden hochwertige Materialien wie italienischer Travertin für die Böden, brasilianische Kiefer für die Decken und amerikanische Walnuss im Arbeitszimmer. Der Stil blieb dennoch schlicht. Dort sind auch Geschenke ausländischer Staatsgäste zu sehen, darunter eine Zigarrenkiste mit Ludwig Erhards Initialen, japanische Puppen und Vasen.
Erhard ließ zudem ein kleines Schwimmbecken einbauen. Im Volksmund erhielt der Bungalow deshalb scherzhaft die Namen „Palais Schaumbad“ und „Ludwigslust“.
Am 12. November 1964 wurde der Schlüssel übergeben. Von 1964 bis 1999 diente der Bungalow den Bundeskanzlern als Wohn- und Empfangsgebäude. Seit 2001 steht er unter Denkmalschutz.
Der größere Gebäudeteil ist für repräsentative Zwecke vorgesehen. Er verfügt unter anderem über versenkbare Raumteiler. Im Empfangsraum stehen noch die Originalmöbel mit ihren für die damalige Zeit eleganten und zeitlosen Polstern.
1977 wurde wegen der zunehmenden Bedrohung durch die RAF eine Panzerglasfront an der zum Rhein offenen Terrasse eingebaut. Sie sollte Bundeskanzler Helmut Schmidt vor möglichen Scharfschützen und Anschlägen schützen.
Der kleinere Gebäudeteil umfasst die Privaträume des Kanzlers. Aus Sicherheitsgründen haben diese keine Außenfenster; Tageslicht gelangt ausschließlich über das Atrium im Innenhof hinein.
Den Ehepaaren Kiesinger war das viele Holz zu dunkel, weshalb sie Einbauschränke und Türen weiß streichen ließen. Loki Schmidt ließ in den 1970er-Jahren eine kleine orangefarbene Küche einbauen, um sich gelegentlich ungestört ein Spiegelei braten zu können. In der offiziellen Küche war stets Personal anwesend.
Hannelore Kohl ließ sich im Esszimmer einen künstlichen Halogen-Sternenhimmel einbauen, inspiriert durch einen Aufenthalt in einem Düsseldorfer Hotel. Von Helmut Kohl sind im privaten Wohnzimmer noch die braune Samtcouch sowie Tische und Lampen erhalten.
Besonders beeindruckend war der Besteckschrank mit mindestens 25 detailliert beschrifteten Schubladen. Vom ursprünglichen Besteck der Firma Pott mit Bundesadler verschwanden nach und nach Teile, sodass später auf Besteck von WMF umgestellt wurde.
Der Bungalow besitzt keinen Keller, sondern lediglich Technikräume, die teilweise unter dem Gebäude liegen. Einen Schutzraum gibt es ebenfalls nicht. Er war zwar ursprünglich geplant, wurde aber aus Kostengründen nicht gebaut. Stattdessen hätte man im Ernstfall den Bunker im Ahrtal erreichen können. Da es damals noch keine Kurzstreckenraketen gab, galt dies als ausreichend. Ein weiterer Schutzraum befand sich unter der Gesamtschule in Pützchen auf der anderen Rheinseite und war noch schneller erreichbar.
Auch der Park ist sehenswert. Zahlreiche Skulpturen schmücken den Garten und den Vorbereich des ehemaligen Kanzleramtes, in dem sich heute das Ministerium befindet. Dazu gehört Henry Moores Werk „Large Two Forms“, das die beiden damals noch getrennten deutschen Staaten symbolisieren soll.
Auf der sogenannten Kanzlerwiese pflanzt jeder Bundeskanzler nach seiner Amtszeit einen Baum. Diese Tradition begründete Helmut Schmidt 1978. Erst vor kurzem pflanzte Angela Merkel dort eine Winterlinde.
Hier endete unsere Führung. Ein Teil der Gruppe ließ den Nachmittag anschließend bei Kaffee und Kuchen im Haus der Geschichte ausklingen.
(Margit Cordel)


















